Der Weihnachtsbaum meiner neuen Firma war der geschmackloseste, den ich seit Langem gesehen hatte.
Pralle Pfirsichpobacken statt Glitzerschmuck, runde Glocken mit blinkenden Klöppeln, kleine Zuckerstangen in eindeutiger Form. Damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet, als ich mich vor einer guten Stunde auf den Weg zur Betriebsfeier gemacht hatte – gediegen in Schale geworfen, um unter den Schlipsträgern mit glattgebügelter Frisur nicht aufzufallen. Mein neuer Vorgesetzter offensichtlich ebenso wenig, der missbilligend auf den Baum herabsah, dann auf den jungen Angestellten, der neben ihm Platz genommen hatte. Petrolblaue Haare, winzige Weihnachtskugeln in den Bart geflochten, flauschiger Pullover mit Plüschpinguin. Und ich saß als graue Maus auf der falschen Seite der Festtafel.
Ich kannte bisher nur die farblose Hälfte, allen voran die rechte Hand des Chefs im Bleistiftkleid, die stirnrunzelnd auf mich zukam.
»Guten Abend. Könnten Sie vielleicht was gegen dieses … Dings unternehmen?«
»Dings?«
Ah. Das Dings. Das kindische, anzügliche Weihnachtsbaum-Dings.
»Hat Ihnen jemand einen Streich gespielt?«, erkundigte ich mich.
»Streich? Das kann man wohl sagen! Einen klassischen Baum in Rot-Gold hatten wir bestellt und bekommen haben wir … dieses –«
»Dings«, ergänzte ich eloquent. »Und wie kann ich da helfen? Ich bin … Programmierer.«
Freudig nickend nahm die Dame im Kleid meine Erklärung an.
Sie meinte das ernst. Ich war dafür verantwortlich, das Dings zu entfernen. Am besten jetzt sofort.
Ich erwog eine frühzeitige Abreise. Stolperte überfragt um das Dings herum und direkt in die Arme des Typen mit dem Pinguinpullover.
»Hey. Na? Du bist neu hier, oder?« Grinsend griff er nach einer Flasche auf dem Buffettisch. »Hi, ich bin Nick.«
»Nick«, wiederholte ich. »Hi.«
Eine winzige Falte bildete sich über seiner Nase, während er zwei Gläser vom Tresen nahm, mir einschenkte, dann sich. »Heh. Hab ich dich eingestellt?«
Oh, Gott. Was? »Nein.« Unwillkürlich huschte mein Blick zurück zum Herrn im Anzug. »Dein, äh … Geschäftspartner?«
»Ah. Also IT«, murmelte Nick und ich nickte verzweifelt.
»Ja. Und aus irgendeinem Grund hält seine Assistentin mich daher für qualifiziert, das Dings da zu entfernen, das irgendjemand an ihrer statt –«
Nicks plötzlicher Lachanfall half ein wenig gegen den Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hatte. Ein bisschen zu laut, ein bisschen zu albern, ein paar Halbtöne zu hoch. Kindisch. Anzüglich.
»Oh, mein Gott«, überkam mich die Erkenntnis. »Du warst das. Du hast diesen Baum für die Weihnachtsfeier bestellt, um deinem piefigen Geschäftspartner eins reinzudrücken.«
Und … seinen neuen Mitarbeiter direkt vor eine Herausforderung gestellt, ohne überhaupt dessen Namen zu kennen.
»Dominic«, stellte ich mich hastig vor. »Sechsundzwanzig. Anwendungsentwickler.« Und konnte mich gerade noch davon abhalten, die restlichen Zeilen meines Lebenslaufs herunterzurattern.
»Dominic«, wiederholte mein Gegenüber. »Noch ein Nick also. Oder ist dein Spitzname … Dom?«
Irgendetwas Merkwürdiges geschah. In seinen Augen. Auf meinen Wangen. Kleine Funken. Hitze. Seine dreckige Lache schmolz einen Teil meiner Knie. Mein Mund funktionierte allerdings noch.
»Manche Leute nennen mich so«, erwiderte ich, »wenn ich es ihnen erlaube.«
Nein, den Lippenbiss hatte ich mir nicht eingebildet. Sehr schlecht überspielt vom darauf folgenden Schluck aus Nicks Glas.
»Ist das ein Aufnahmeritual für neue Mitarbeiter oder so?«, fragte ich. »Sie auf ihrer ersten Betriebsfeier bloßzustellen?«
»Nee. Ich wollte nur …« Unbehaglich wand sich Nick unter meinem Blick.
»… ein bisschen Spaß haben«, beendete er seinen Satz. Stellte das Glas ab und deutete mit ausgestreckten Zeigefingern auf seinen plüschigen Pullover. »Pinguin streicheln?«
Ich streichelte den Pinguin. Behielt meine Hand eine Sekunde zu lange auf Phoenix’ Bauch. Vernahm ein genüssliches Schnurren aus seiner Kehle und puff, da war eine Handvoll Gehirnzellen dahin.
»Weich«, knödelte ich ihm entgegen.
»Warm«, gab er zurück.
Und von einer Sekunde auf die nächste spielte sich ein schlechter Film direkt vor meiner Nase ab. Mein Glas. Sein Pulli. Dunkelrote Sprenkel auf dem schwarz-weißen Pinguin. Herrentoilette, Papierhandtücher, Wasser, erfolgloses Gerubbel auf störrischem Strick. Hintern auf Waschbeckenrand. Arme um meine Schultern. Punschgeschmack in meinem Mund.
In meinem Rücken rauschte eine Klospülung. Ich schob den Gedanken weg, dass es mein anderer Chef sein könnte. Dann Nick von mir.
»Scheiße. Ist das das Aufnahmeritual?«
»Nein.« Mit roten Wangen rutsche er vom Counter. »Vielleicht sollten wir lieber … sollten wir lieber nicht –«
»Was? Rummachen?«
»Doch.« Entschlossen presste er seine Lippen ein zweites Mal auf meine, rückte wieder von mir ab und grinste mich an. »Nicht hier.«
Vor der Herrentoilette wartete glücklicherweise kein Chef im Anzug. Unbemerkt konnte mich Nick hinter sich her ziehen, am feierlichen Saal vorbei, einen Flur entlang, drei Stufen nach oben und in einen … Abstellraum? Lagerraum. Mit Panoramablick auf Festtagsbeleuchtung.
»Ist das der Weihnachtsbaum? Von hinten?«
»Mhm. Hab ich gut verkabelt, oder?
Obwohl ich kein ITler bin.«
Ich konnte es nicht beurteilen. Sah nur verschwommene bunte Lichtpunkte, Glitzerkugeln, Zuckerstangen und einen Pinguin unter einem Mistelzweig. Dann saß ich auf einer Requisitenkiste und breitbeinig auf mir … mein neuer Chef.
So hatte ich mir die Betriebsfeier selbst in meinen wildesten Träumen nicht vorgestellt. Okay, in meinen wildesten vielleicht. Ganz sicher nicht in meinen normalen.
»Nick –«
»Dom?« Ein unsicheres Flackern glomm in seinen Augen auf. »Hilfst du mir, die Sache mit dem Weihnachtsbaum geradezurücken? Und … ziehst du mir meinen Pulli aus?«
