»Das wird doch nie was.«
Mit dem niedlichsten aller Schmollmünder verschränkte Liam die Arme vor der Brust, während sein Blick prüfend über die vollgestellte Küchentheke schweifte.
»Eine Riesensauerei wird das, sonst nichts.«
»Passt doch perfekt«, entgegnete ich. »Weihnachtsbäckerei bei Familie Schwein.«
Mein freundliches Grunzen entlockte Liam nicht das erhoffte Lächeln, ebenso wenig das Glitzern in den Augen seines kleinen Bruders, der ihm begeistert die Packung mit dem Zuckerdekor in Schweinchenform unter die Nase hielt.
»Weißt du, wie lange ich danach gesucht habe?«, lamentierte ich. »Weihnachtsbäume, Rentiere, Schneeflocken kriegst du an jeder Ecke, aber Schweine?«
Anerkennend ließ Sol das Röhrchen in seiner Hand klappern. Sein älteres Abbild bemühte sich dagegen wirklich sehr, das alles hier albern zu finden.
Dabei liebte Liam Süßigkeiten. Wie Sol. Wie ich. Und gegen Schweinereien auf der Küchentheke hatte er bisher auch eher selten etwas gehabt.
»Sag mal …« Lächelnd zog ich den menschgewordenen Flunsch an mich und drückte ihm ein Küsschen auf die Wange. »Willst du wirklich den kompletten Advent über Grinch spielen, weil sich deine Verwandten früher zu schade für getrennte Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke waren?«
Bei einem Bier im Pub hatte er mir damals mit einem ähnlichen Gesichtsausdruck wie jetzt sein Geburtsdatum verraten. Der 23. Dezember. An dem Familie und Freunde meistens bereits in Vorbereitungen für Heiligabend versumpft waren, keine Zeit für eine Extrafeier hatten und den kleinen Liam zwei Tage später am Weihnachtsmorgen mit einem »Hier, ist für beides, ne?« in Geschenkpapier abspeisten.
Dieses Jahr würde es anders. Ich hatte einen Plan. Und mein Freund sollte sich gefälligst auf die Überraschung freuen, anstatt noch mehrere Wochen Muffelstimmung zu verbreiten.
»He. Heute ist erst der zweite Dezember«, sagte ich, »und wir haben noch keinen einzigen Keks für die restlichen Tage im Haus.«
»Lüge«, nuschelte Liam. Dann entkam ihm endlich ein Lächeln, als Sol mit Nachdruck auf die Keksausstecher deutete. »Aber keine Weihnachtsplätzchen. Stimmt.«
Ich hatte die Ausstecher mitgebracht. Ich hatte alles mitgebracht und Sol sofort nach meiner Ankunft die Einkaufstüten zur fachmännischen Inspektion überreicht.
»Hast du solche schon mal gebacken?«, fragte ich und er nickte stolz.
»Haben wir«, bestätigte Liam, »deswegen bin ich ja sicher, dass das eine Sauerei wird.«
»Ah. Aber daran war wohl nicht allein Sol schuld?«, feixte ich und der Angesprochene pikste seinem Bruder in den Bauch.
Inzwischen war er vierzehn. Dass er nicht wie die anderen Vierzehnjährigen in meinem Behandlungszimmer der Highschool Worte mit mir wechselte, störte mich nicht. Mit einem Jugendlichen mit selektivem Mutismus zu kommunizieren, war nicht so schwierig wie gedacht. Er sprach mit seinen Augen, mit seinem Gesicht, mit seinen Händen, die aufgeregt die erste Mehlpackung aufrissen, einen Klotz Butter von der Verpackung befreiten und eine Ladung Schokostreusel quer über dem Küchentisch verteilten.
»Hast du das Rezept gelesen?«, fragte Liam streng und bekam zur Antwort einen vorwurfsvollen Fingerzeig auf die bereitgestellte Küchenwaage.
»Lass ihn doch. Nach Gefühl ist eh am besten«, behauptete ich augenzwinkernd.
Sol hatte Spaß. Er hatte viel zu selten Spaß. Chaos gehörte im Hause Schwein dazu.
Liam und ich wurden zu Helfern degradiert, durften lediglich Zutaten und Küchengeräte anreichen, während Sol schüttete, rührte, Teig ausrollte, erste Plätzchen ausstach und auf dem Blech verteilte.
»Das wird ein riesiger Keks«, murmelte Liam.
Ich übersetzte Sols Schnaufen. »Na und?«
Meine Schwester und ich hatten nicht selten solche fabriziert. Schmeckten genauso gut wie viele kleine.
»Müssen wir halt abwechselnd davon abbeißen«, schlug ich vor, näherte mich vorsichtig Liams Ohr und knabberte sanft daran. »Ich hab übrigens eine Überraschung für dich. Am dreiundzwanzigsten. Hat nichts mit Weihnachten zu tun. Aber du kriegst sie nur, wenn du bis dahin nicht weiter Miesepeter spielst, sondern ein braver Junge bist.«
Er erschauderte. Ich grinste. Nein, ich würde ihm nicht vorab verraten, welche. Ungeduldig und ein bisschen hibbelig war er mir am liebsten.
»Schweinkram?«, hauchte er.
»Vielleicht.«
Aus Sols erstem Blech wurde in der Tat ein riesiger Keks. Er schmeckte vorzüglich. Ganz besonders die leicht verbrannten Ecken.
»Schleimer«, schimpfte mich Liam, als ich genüsslich ein weiteres Mal in den noch warmen Teigklumpen biss. Aber Sols strahlendes Gesicht war mir die kleine Übertreibung wert.
Beim zweiten Blech durften wir mit ausstechen. Nach dem dritten startete Sol mit klebrigen Fingern einen Videoanruf an seinen besten Freund Noah und präsentierte ihm stolz die bunt glitzernde Weihnachtssauerei.
»Boah, sieht das lecker aus«, drang es schwärmerisch aus dem Handy, das Sol über die Küchentheke schweifen ließ. »Schickst du mir welche?«
Sols Bitte stand ihm derart ausdrücklich in den Augen, dass sogar ich sie beinahe Wort für Wort ablesen konnte. Mit einem Seufzen gab Liam nach.
»Okay. Wir fahren wohl für ein Adventswochenende nach London und bringen dir welche vorbei. Vorausgesetzt, deine Mums sind einverstanden.«
Natürlich waren sie einverstanden. Natürlich boten sie an, einen Teil des Fahrpreises zu übernehmen, auch wenn sich Liam wie immer peinlich berührt dagegen sträubte. Und als sich sein kleiner Bruder dankbar an ihn kuschelte, verschwand endlich der grummelige Grinch und machte Platz für ein zweites strahlendes Gesicht.
Sol glücklich zu machen, machte Liam glücklich. Mich machte es glücklich, nicht zwischen ihnen zu stehen, nicht irgendwo außen, sondern an ihrer Seite. Das dritte Mitglied der Familie Schwein.
